„Schüler vermissen die Schule“

Zells Schulleiterin Anne-Catrin Medel berichtet, dass der Unterricht zu Hause bis auf ganz wenige Ausnahmen gut läuft: „In dieser besonderen Situation hängt viel von den Eltern ab“.

Zell a. H. Die Klassenzimmer sind leer, die Stühle hochgestellt: Seit dem 17. März lernen die 651 Schüler des Bildungszentrums Zell in „Heimarbeit“. Die Landesregierung hatte verordnet, wegen der Corona-Krise Schulen und Kindertagesstätten bis zum Ende der Osterferien am 19. April zu schließen. Ganz verwaist ist das Schulgebäude in Zell jedoch nicht: Die engere Schulleitung mit Rektorin Anne-Catrin Medel an der Spitze macht Dienst, nutzt die Zeit für Verwaltungsarbeiten und konzeptionelle Aufgaben. „Es ist schon ein komisches Gefühl, in eine Schule ohne Schüler zu kommen“, sagt die Schulleiterin und egänzt: „Es ist für uns alle eine Art Schwebezustand“. Ob dieser „Schwebezustand“ noch noch über den 19. April hinaus dauern wird, weiß die Schulleiterin nicht. Dafür ändert sich die Corona-Lage zu schnell. „Wir gehen aktuell davon aus, dass am 20. April  wieder Schulbetrieb ist. Wir müssen aber darauf warten, bis wir unsere Dienstanweisungen bekommen“, sagt Medel. Wenn der Schulbetrieb wieder aufgenommen wird, kommt es darauf, ob alles so läuft wie vor der „Zwangspause“. Falls ja, hätte sich nach Einschätzung der Rektorin „in ein, zwei Tagen“ der Betrieb am Bildungszentrum mit seiner Grund-,  Werk- real- und Realschule wieder eingespielt. Die rund drei Wochen bis zu den regulären Osterferien, die am 6. April beginnen, waren für die Schüler des Bildungszentrums Zell keine unterrichtsfreie Zeit (wir berichteten). Die Schüler hatten Unterrichtsmaterialien mit nach Hause bekommen, die im Laufe der Zeit per E-Mail laufend ergänzt wurden. Schüler und Lehrer standen über den Webserver „BelWü“ in Mailkontakt. Die Schüler sollten vertiefend Stoff pauken und auch die Lehrer hatten mitnichten frei. „Viele Lehrer machten wesentlich mehr, als nur Mails zu schicken. Manche stellten sogar Anleitungen für Aufgaben her oder stellten in Youtube Filme ein, um den Kindern zu helfen. Es wurde auch telefoniert und über Skype gesprochen“, beschreibt Medel die Tatsache, dass ihre Kollegen das Ganze sehr ernstnahmen. Bleibt die Frage, wie diszipliniert die Schüler beim Unterricht zu Hause waren? Medel: „Meine Lehrer melden mir, dass die allermeisten Schüler und Eltern sehr eifrig sind, die Aufgaben abzuarbeiten. Leider gibt es auch einige wenige Elternhäuser, von denen kei
nerlei Rückmeldungen kamen. Weder per Mail mit gelösten Aufgaben, noch auf telefonische Nachfrage“. Die Rektorin findet eine höfliche Umschreibung dafür: „Wir stellen fest, dass die Arbeitseinstellung, die wir im normalen Unterricht beobachten, auch für Home-Schooling gilt“.
Eltern in Doppelfunktion
Medel weiß, dass in dieser Situation viel von den Eltern abhängt. Und dass die Eltern auch eine schwierige Aufgabe haben: „Sie müssen Eltern und Lehrer in einer Person sein“. Und sie melden sich auch bei der Schule. Die meistgestellte Frage von Eltern ist übrigens nicht die, ob die Schulschließung verlängert wird. „Wenn Fragen kommen, geht es meist um die Abschlussprüfungen“, erklärt die Rektorin. Die wurden für Werkreal- und Real
schule – Stand jetzt – auf Mitte bis Ende Mai verschoben. Die derzeitige Situation zeige, wie wichtig der persönliche Kontakt in der Schule sei: „Viele Schüler melden ihren Lehrern auch zurück, dass sie die Schule vermissen. Denn die bietet über den Unterricht hinaus auch viele Sozialkontakte“. Übrigens: Auch die Lehrer fühlen sich ohne Schüler allein. Anne-Catrin Medel: „Es ist ein gegenseitiges Vermissen“. Einige Experten befürchten indes, dass durch den kontaktlosen Unterricht manche Schüler ihre eh nicht ausgeprägte Motivation am Lernen verlieren könnten. Zells Schulleiterin sieht eher die andere Seite dieser besonderen Situation: „Es ist auch eine Chance, dass sich Schüler beim Lernen besser kennenlernen und dadurch eigene, neue Kompetenzen entwickeln.

Autor: Dietmar Ruh, Offenburger Tageblatt